Das Geständnis - Roman

von: John Grisham

Heyne, 2013

ISBN: 9783641110369 , 544 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Das Geständnis - Roman


 

1

Der Küster von St. Mark hatte gerade eine dicke Schneeschicht vom Gehsteig geschippt, als ein Fremder mit einem Gehstock auftauchte. Die Sonne schien, aber der Wind blies in Sturmstärke, und die Temperatur hatte sich um den Gefrierpunkt eingependelt. Der Mann trug lediglich eine dünne Latzhose, ein Sommerhemd, ausgetretene Wanderstiefel und eine leichte Windjacke, die der Kälte kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Aber das schien ihn nicht zu stören, und er hatte es auch nicht eilig. Hinkend, leicht zur linken, vom Stock gestützten Seite geneigt, schlurfte er an der kleinen Kirche vorbei und auf eine Seitentür zu, auf der in dunkelroten Buchstaben »Büro« stand. Er klopfte nicht an. Die Tür war unverschlossen. Beim Eintreten fuhr ihm ein heftiger Windstoß in den Rücken.

Das Empfangsbüro von St. Mark sah genauso vollgestopft und verstaubt aus, wie man es in einer alten Kirche erwartete. In der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch, an dem eine junge Frau saß. Ein Namensschild wies sie als Charlotte Junger aus. Mit einem Lächeln sagte sie: »Guten Morgen.«

»Guten Morgen«, erwiderte der Mann und schwieg einen Augenblick. »Es ist sehr kalt draußen.«

»Allerdings.« Sie musterte ihn rasch. Sein Problem war ganz offensichtlich, dass er weder Mantel noch Handschuhe noch Mütze trug.

»Ich nehme an, Sie sind Mrs. Junger«, sagte er mit einem Blick auf das Schild.

»Nein, Mrs. Junger ist nicht da. Sie hat Grippe. Ich bin Dana Schroeder, die Frau des Reverend. Ich helfe heute nur aus. Was können wir für Sie tun?«

Der Mann blickte hoffnungsvoll auf den einzigen freien Stuhl im Raum. »Darf ich?«

»Natürlich.«

Er setzte sich vorsichtig, als müsste er jede Bewegung in Gedanken vorbereiten. »Ist der Reverend da?«, fragte er und sah zu einer massiven Tür auf der linken Seite hinüber.

»Ja, aber er ist in einer Besprechung. Was können wir für Sie tun?« Sie war schlank, ihre Brüste zeichneten sich unter dem engen Pullover ab. Alles von der Taille abwärts war hinter dem Schreibtisch verborgen. Er hatte immer die Zierlichen bevorzugt. Solche wie sie. Ebenmäßiges Gesicht, große blaue Augen, hohe Wangenknochen, ein hübsches, adrettes Mädchen. Die perfekte kleine Pastorenfrau.

Es war so lange her, dass er eine Frau berührt hatte.

»Ich muss unbedingt Reverend Schroeder sprechen.« Er faltete die Hände wie zum Gebet. »Ich war gestern in der Kirche und habe ihn predigen hören, und ich … nun ja, ich brauche seinen Beistand.«

»Er hat heute viel zu tun«, sagte sie lächelnd. Sie hatte sehr hübsche Zähne.

»Es ist wirklich dringend.«

Dana war lange genug mit Reverend Keith Schroeder verheiratet, um zu wissen, dass aus seinem Büro niemand weggeschickt wurde, ob er nun einen Termin hatte oder nicht. Außerdem war es ein eiskalter Montagmorgen, und so beschäftigt war Keith nun auch wieder nicht. Ein paar Telefonate, die üblichen Krankenhausbesuche. Im Moment führte er ein Gespräch mit einem jungen Paar, das die geplante Hochzeit absagen wollte. Sie kramte auf dem Schreibtisch herum und fand schließlich den kleinen Fragebogen, den sie gesucht hatte. »Also gut. Ich brauche ein paar Auskünfte von Ihnen, dann sehen wir weiter.« Sie zückte einen Kugelschreiber.

»Danke.« Er deutete eine Verbeugung an.

»Ihr Name?«

»Travis Boyette.« Aus alter Gewohnheit buchstabierte er den Nachnamen. »Geboren am 10. Oktober 1963 in Joplin, Missouri. Vierundvierzig Jahre alt, alleinstehend, geschieden, keine Kinder. Kein fester Wohnsitz. Keine Arbeit. Keine Zukunft.«

Dana hörte zu, während sie die passenden Felder auf dem Blatt suchte. Seine Antworten warfen weit mehr Fragen auf, als das schlichte Formular vorsah. »Gut. Was die Adresse betrifft …«, sagte sie, ohne das Schreiben zu unterbrechen. »Wo wohnen Sie zurzeit?«

»Zurzeit stehe ich unter der Obhut der Gefängnisbehörde des Bundesstaates Kansas. Ich bin einem Übergangshaus in der Seventeenth Street zugeteilt, nur ein paar Querstraßen von hier. Bald werde ich entlassen. Es ist eine Resozialisierungsmaßnahme, wie das so schön heißt. Ein paar Monate hier in Topeka, dann bin ich ein freier Mann und darf mich darauf freuen, den Rest meines Lebens auf Bewährung draußen zu sein.«

Der Kugelschreiber hielt inne, aber Danas Blick blieb auf dem Papier haften. Ihr Interesse an weiteren Antworten war schlagartig versiegt, doch da sie mit dem Fragen angefangen hatte, musste sie es zu Ende führen. Was sollten sie auch sonst tun, während sie auf den Pastor warteten?

»Möchten Sie einen Kaffee?« Das war eine wirklich unverfängliche Frage.

Es entstand eine Pause, eine viel zu lange Pause, als könnte Boyette sich nicht entscheiden. »Ja, bitte. Schwarz mit etwas Zucker.«

Dana huschte aus dem Zimmer, um den Kaffee zu holen. Er folgte ihr mit dem Blick, studierte sie genau, ihren hübschen runden Hintern in der schlichten Alltagshose, die schlanken Beine, die sportlichen Schultern, den Pferdeschwanz. Ein Meter zweiundsechzig bis vierundsechzig, schätzte er, höchstens fünfzig Kilo.

Sie ließ sich Zeit, und als sie zurückkehrte, saß Travis Boyette noch genauso da, wie sie ihn verlassen hatte, einem Mönch gleich, die Fingerspitzen beider Hände aneinandergelegt, den schwarzen Holzstock quer über den Oberschenkeln, den leeren Blick auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Sein Kopf war geschoren, klein, rund und glänzend, und als sie ihm die Tasse reichte, schoss ihr die alberne Frage durch den Kopf, ob er von Natur aus früh kahl geworden war oder absichtlich eine Glatze trug. Links an seinem Nacken prangte eine schaurige Tätowierung.

Er nahm den Kaffee entgegen und bedankte sich. Sie ging zurück zu ihrem Platz, sodass der Schreibtisch wieder zwischen ihnen stand.

»Sind Sie Lutheraner?«, fragte sie und griff zu ihrem Kugelschreiber.

»Eher nicht. Ich bin eigentlich gar nichts. Die Kirche hat mich nie interessiert.«

»Aber gestern waren Sie da. Warum?«

Boyette hielt die Tasse mit beiden Händen ans Kinn, wie eine Maus, die an einem Leckerbissen knabbert. Wenn ihn eine einfache Frage nach Kaffee volle zehn Sekunden beschäftigt hatte, würde diese womöglich eine Stunde in Anspruch nehmen. Er trank einen kleinen Schluck und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Wie lange, meinen Sie, wird es noch dauern, bis ich zum Pastor kann?«, fragte er schließlich.

Noch viel zu lange, dachte Dana. Am liebsten wäre sie ihn sofort an ihren Mann losgeworden. Mit einem Blick auf die Wanduhr sagte sie: »Es wird gleich so weit sein.«

»Könnten wir vielleicht einfach schweigen, während wir warten?«, fragte Boyette höflich.

Dana betrachtete den sonderbar steifen Besucher und sagte sich spontan, dass Schweigen keine schlechte Idee wäre. Doch dann siegte ihre Neugier. »Sicher. Nur eine letzte Frage.« Sie suchte mit den Augen den Fragebogen ab, als verlangte er noch diese eine Frage. »Wie lange waren Sie im Gefängnis?«

»Mein halbes Leben lang«, erwiderte Boyette, ohne zu zögern, als würde er diese Frage fünfmal am Tag beantworten.

Dana kritzelte etwas auf ihr Blatt, dann fiel ihr Blick auf die Computertastatur, und sie hackte darauf los, sodass man den Eindruck haben konnte, ihr wäre eine dringende Terminsache eingefallen. In ihrer E-Mail an Keith stand: »Hier ist ein Schwerverbrecher, der dich unbedingt sprechen will. Wirkt einigermaßen anständig. Trinken Kaffee. Sieh zu, dass du fertig wirst.«

Fünf Minuten später öffnete sich die Tür zum Büro des Pastors. Eine junge Frau kam herausgerannt, die sich die Augen rieb, dahinter ihr Exverlobter, dem das Kunststück gelang, ein Stirnrunzeln mit einem Lächeln zu verbinden. Keiner von beiden sprach Dana an. Keiner bemerkte Travis Boyette. Sie verschwanden nach draußen.

Nachdem die Außentür ins Schloss gefallen war, sagte Dana zu Boyette: »Einen Augenblick noch.« Dann eilte sie zu ihrem Mann, um ihm zu berichten, was ihn erwartete.

Reverend Keith Schroeder war fünfunddreißig Jahre alt, seit zehn Jahren glücklich mit Dana verheiratet und Vater dreier Söhne, die jeweils im Abstand von zwanzig Monaten zur Welt gekommen waren. Seit zwei Jahren war er leitender Pastor von St. Mark, davor hatte er eine Gemeinde in Kansas City geführt. Sein Vater war pensionierter lutherischer Pfarrer, und für Keith hatte es nie einen anderen Traumberuf gegeben. Er war in einer Kleinstadt nahe St. Louis aufgewachsen, unweit von dort zur Schule gegangen und hatte – abgesehen von einem Klassenausflug nach New York und seinen Flitterwochen in Florida – den Mittleren Westen nie verlassen. Seine Gemeinde schätzte ihn, wobei nicht immer eitel Sonnenschein herrschte. Einmal hatte es richtig Ärger gegeben, als er während eines Blizzards im letzten Winter Obdachlose in die Kirche gelassen hatte. Nachdem der Schnee getaut war, hatten sich einige davon geweigert, wieder zu gehen. Die Stadt hatte Klage wegen unbefugter Nutzung erhoben, und in der Lokalzeitung war ein kompromittierender Artikel erschienen.

Das Thema seiner Predigt am Vortag war Vergebung gewesen – Gottes grenzenlose und alles überstrahlende Macht, Sünden zu vergeben, ganz gleich wie abscheulich sie waren. Travis Boyettes Sünden waren entsetzlich, unfassbar und grausam. Sein unmenschliches Verbrechen würde ihn mit Gewissheit in die ewige Verdammnis...